fragments alpins.

a little bit of everything

BRÈ

Hoch über dem Luganersee liegt das Dörfchen Brè, in dem man sich in den pflastersteinbedeckten, schmalen Gassen zwischen den alten Häusern ein wenig in der Zeit zurückversetzt fühlt. Oft ist das einzige Geräusch am windstillen Ort das Läuten der Kirchglocke. Der tiefe Klang dringt mit voller Stimme vom Dorfrand her den Berg hinauf. Vom Vorplatz der Kirche sieht man bis in die italienischen Alpen, die teilweise schneebedeckt sind. Der Winter übergibt bald an den Frühling.

In Brè befindet sich auch eines der vielleicht besten stillen Örtchen, das man sich als Wanderer wünschen kann; erstens liegt es etwas versteckt unter dem lokalen Friedhof, sodass es erst auf den zweiten oder dritten Blick für Vorbeigehende sichtbar ist, und zweitens wird es regelmässig von Freiwilligen aus dem Dorf gepflegt, die nicht nur für Sauberkeit sorgen, sondern auch jede Woche die Ecke unterhalb des Waschbeckens mit einem selbstgepflückten Blumenbouquet schmücken, das mit einer Sorgfalt und Liebenswürdigkeit zusammengestellt wurde, die ihresgleichen suchen.

Es war mir im Frühjahr 2026, in dem ich mich regelmässig zu einer selbstverschriebenen eintägigen Kur nach Brè begab, um zu wandern, zu einer Gewohnheit, ja fast einem Ritual geworden, jede Woche das neue, wöchentlich-saisonale Bouquet zu besichtigen, ein Lichtblick, ein Farbtupfer an diesem Ort, wo alles noch so sein darf wie vor dreissig oder vierzig Jahren, und gerade dies vielleicht den Charme des Ortes ausmacht.

Während ich über Wochen stets die gleiche Strecke von Castagnola auf den Monte Brè hinaufgestiegen war und die Höhenmeter und die Wintersonne, wie sie einen nur im Tessin erwärmen kann, mit vereinten Kräften sämtliche Gedankenwirbel in meinem Kopf gebändigt und geordnet hatten, beschloss ich an jenem Tag, den Bus, der mit seinen alten Polstern und vergilbten und zerkratzten Scheiben sofortige Nostalgiegefühle an Ferien in Spanien und Italien auslöste, für einmal bis ganz oben zu nehmen und von Brè aus eine neue Route zu begehen, die fast ausschliesslich durch den Wald führen würde, denn es war der Beginn dessen, was der heisseste Sommer aller Zeiten werden würde, und so war es an der Zeit, von diesem gleissend sonnigen Südhang, der von Lugano Castagnola nach Brè führte, Abschied zu nehmen, und in die kühlen Gefilde der grossen, hitzeschutzbietenden Bäume jenseits des Dorfes Brè vorzustossen. (Hermann Hesse schrieb übrigens davon, sich jeweils im Tessin von der Sonne „kochen“ zu lassen und ich habe bis jetzt keinen passenderen Ausdruck gefunden, es ist genau so, wie er sagt.)

Mein Weg von Brè zur Alpe Bolla führte mich durch uralte, Geborgenheit und Weisheit ausstrahlende Bäume, übergrosse, knorrig gewachsene Eschen waren es vor allem, über einen wenig begangenen, steinigen und immer noch vom Herbstlaub bedeckten Weg ging ich den Wald hinauf, der alsbald in den etwas breiteren, gepflegten Weg zur Alpe Bolla einmündete. Auch hier begegnete ich kaum jemandem, bis wenige Meter vor der Alpe vier amerikanische jungen Touristen, zwei Männer, zwei Frauen, mit dem nicht übersehbaren Übermut der Reisefreude, wie man sie vielleicht nur im Tessin in dieser Dimension haben kann, von einer kleinen Anhöhe links des Weges heruntergesprungen kamen, auf welcher eine hübsche kleine Kapelle stand. Links davon befand sich eine rote Bank, die ich sofort zu meiner Mittagsbank auserkoren hatte und ausserdem eine wunderbare Aussicht auf die besonderen Formen der Felsen namens Denti della Vecchia bot. Auch diese Kapelle, das würde ich eine Woche später bei meinem nächsten Spaziergang erfahren, der mich an denselben Ort führte, wird jede Woche mit neuen Blumen bestückt, und auch wenn es hier jeweils nur zwei bis drei einzelne Blumen waren, so waren sie nicht minder liebevoll platziert worden.

Auf dem Rückweg ging ich, schwungvoll voranschreitend, auf direktem Weg zum Aussichtspunkt Crus, der, wie ich bei meiner Ankunft feststellte, gar kein Aussichtspunkt im herkömmlichen Sinne war, weil die Bäume in ihrer dichten Frühlingspracht mir die Aussicht komplett verwehrten. Nach einer steileren Passage, die eher einem Bachbett als ein Wanderweg ähnelte, wie es nicht selten vorkommt im Tessin, – auch hier wieder dieser ganz eigene Charme, dass die Dinge sich selbst überlassen werden, ohne zurechtgeschnitten und -gepfadet werden, dieses leise Gefühl von stillstehender Zeit, von Vergänglichkeit, die zugelassen wird -, hatte ich, so wurde mir rasch klar, einen nächsten Aussichtspunkt erreicht, der seiner Bezeichnung als solcher alle Ehre erwies. Mit einer Ehrfurcht und Überwältigung, wie sie besonders nach einer längeren Wanderung in aufzutauchen pflegt, trat ich aus dem Kastanienwald auf eine von der Abendsonne besonders schön in Szene gesetzte Lichtung mit einer prachtvollen Aussicht auf den See, den San Salvatore und das Dorf Brè hinaus, ein Augenblick, den man sich nicht schöner vorstellen kann, und in diesem Moment glaubte ich vollständig zu verstehen, warum es Künstler wie Hermann Hesse ins Tessin gezogen hat.

Im letzten Teil des Weges säumten Brunnen und Bänke den Wegrand und ein Kuckuck war zu hören, während die Häuser immer näher aneinander standen, bis sie in Brè sich zu einem Mosaik vereinten.

Bevor ich in den Bus nach Lugano stieg, der mich zurück in die Lebhaftigkeit, die Geschwindigkeit, das Stimmengewirr und durch die Gassen hallende Lachen tragen würde, blieben mir noch fünf Minuten Zeit, um ein Erinnerungsfoto des „Bouquets der Woche“ zu machen. Bei genauerer Betrachtung dachte ich für mich, dass das Bouquet wohl ähnlich aussah wie jener der letzten Woche, aber doch nicht gleich.

Wie schön es doch ist, dass man, so sagte später meine Freundin Anina, an diesem Blumenstrauss wunderbar sieht, dass die Leute in einem solchen Ort noch Sorge tragen. Von nun an denke ich jedes Mal an diesen Satz, und jedes Mal freue ich mich ein bisschen mehr, sodass ich den freiwilligen Feen irgendwann einmal einen Zettel zusammengefaltet in ihren winzigen roten Briefkasten stecken werde, um ihnen für ihr Wirken zu danken.