An einem Samstag, an dem sich der Herbst schon längst hätte verabschieden sollen, begehe ich die Senda Val Müstair, die vom Dorf Lü auf den Ofenpass führt. Es ist ein milder Novembertag und die Lärchen leuchten noch immer, wenn auch mittlerweile in einem dunkleren senfGelb. Ein kleines Postauto bringt mich und drei andere Wandersleute in Schlangenlinien von Tschierv zum winzig kleinen Dorf Lü hoch. Am Brunnen in Lü fülle ich meine Wasserflasche mit dem erfrischend kühlen Quellwasser auf und mache mich auf dem Weg, nachdem mich bereits eine Frau nach einem Weg gefragt hatte, worauf ich offen zugeben musste, dass ich noch nie in meinem ganzen Leben hier oben gewesen sei, die von ihr ausgesuchte Route aber sicherlich gut gewählt sei und auch an einem Tag im November vermutlich noch machbar.
Auf dem Weg bis zur Alphütte begegne ich niemandem. An den schattigen Stellen liegen letzte Schneereste auf dem Weg. Ich nehme das Fahrsträsschen, weil ich die Abzweigung zum Wanderweg verpasst habe, wie ich erst viel später realisiere, was mich aber nicht stört, denn manchmal ist ein einfacher, stetig steigender Weg genau das, was an manchen Tagen gut tut.
Auch bei der Alphütte treffe ich auf niemanden, esse also meinen Lunch an einem der zahlreichen Picknicktische als Holz, die im Sommer bestimmt gar manche Wanderer anziehen, nun aber umgeben sind von absoluter Stille, wie es sie selten noch gibt, und denke, dass es nichts schöneres gibt, als die Einfachheit eines Stück Roggenbrots mit Alpkäse, von dem ich mir mit meinem Schweizer Taschenmesser zwei Fingerbreit abteile, einen Apfel und dazu als Kulisse die Aussicht auf die Lärchenwälder und die gegenüberliegenden Berge, deren Spitzen bereits in weiss getüncht sind und auf deren anderen Seite Italien liegen muss, und nicht zuletzt, sondern vor allem lausche ich dieser Ruhe, die hier jeden Baum, jeden Grashalm, jeden Zaun und alles dazwischen umgibt und so greifbar dicht ist, dass sie beinahe wieder ein Geräusch für sich sein könnte, wüsste denn jemand einen Namen dafür.
Nach der Rast folgt ein kleiner, aber unanstrengender Aufstieg. Oben hat es an einem kleinen Nordhängchen, das es zu queren gilt, wie erwartet einige Flecken Schnee auf der wiese. Eine sportliche Frau um die 70 kommt mir entgegen. Ich frage sie, ob es dort, wo sie herkommt, oben Richtung Ofenpass viel Schnee hat. Sie bleibt stehen und sagt, sie sei von M. gekommen, es sei kein Problem gewesen. Sie wohne im Val Müstair, wie ich weiter herausfinde, ihr Mann sei schon etwas älter, es fehle ihm die Kraft für längere Spaziergänge. ihr Akzent hat eine rauhe italienische Färbung, wie ich sie mir vorstelle von jemandem, der hier im Tal wohnt. Ihr Mann, fährt sie fort, habe sie deshalb bis M. gefahren und würde sie bei Lü dann wieder abholen. Ob es weiter oben Schnee hat, könne sie deshalb nicht mit Sicherheit sagen. Es sei durchaus möglich, ich solle vorsichtig sein. Aber ich könne in M. auf den Bus Richtung Ofenpass, sagt sie, bei der Bergstation des Skilifts führe eine Strasse zur Busstation hinunter, wo im Winter die Talstation stehe mit dem grossen Parkplatz.
Dann sagt sie zum Abschied: Es ist schön, hier oben allein in dieser Ruhe zu wandern, nicht wahr?
Ich stimme ihr zu, denn schöner hätte ich es auch nicht sagen können, und einmal mehr berührt mich diese Verbundenheit, die auf Wanderungen immer wieder unerwartet zwischen Unbekannten entsteht, und wir verabschieden uns und ich stapfe durch den Schnee ein paar Höhenmeter hoch, und denke an den Mann, der nun vielleicht in einer Beiz einen Kaffee trinkt, bevor er nach Lü hochfährt, um seine Frau abzuholen.
Wie die Frau aus dem Val Müstair richtig vermutet hat, stellt der Schnee aus der Vorwoche für die weitere Wanderung bis zum Ofenpass kein Problem dar, und ich verbringe den Rest des Weges in Schweigen und zunehmender Ehrfurcht vor den ruhenden Bergen, die, wenn es fast keine Wanderer mehr hat, wirken, als wären sie in einer Art Winterschlaf, und alles steht still, ausser die dunkler werdenden, schnell vorbeiziehenden grauen Wolken am Himmel, gegen die die Lärchen im Kontrast dazu als goldene Laternen oder ganze Farbflecken vor granitgrauen Bergwänden ein stummes Nachklingen des Herbstes zeichnen.

