Am Tag meiner Ankunft im Val Müstair frage ich den Rezeptionisten, dessen Familie schon seit Jahrhunderten im Besitz dieses Hotels ist, nach einer geeigneten, kurzen Wanderung, um die Beine zu vertreten und etwas von der Gegend zu sehen. Er schickt mich zum Wasserfall ennet des Dorfs, eine gute Empfehlung, wie sich später herausstellen wird. Ein kleiner Spaziergang, sagt er, und vertieft sich wieder in seine Arbeit, während ich mit dem beschwingten schritt eines Neuankömmlings von dannen ziehe.
Nach einigen Schritten über eine weite, grüne Ebene und einen schmalen, zwischendurch von Nässe gezeichneten Pfad beim Wasserfall angekommen, ist meine anfängliche Trägheit nach der langen Zugfahrt einer zuverlässig einsetzenden Neugier gewichen und die Lust auf ein paar Höhenmeter kommt so unerwartet um die Ecke wie der Wasserfall; ich will noch weiter hinauf. Der Weg führt steil den Felsen entlang hoch, die den Wasserfall wie zwei erhobene, zu Schalen gebogenen Hände einbetten, die Luft ist von den davonstiebenden Wassertropfen feucht, die Gedanken der Arbeitswoche fallen Schicht um Schicht von mir ab und flattern durch die Schlucht ins Tal.
Als ich oben aus dem Wald an das etwas vom November vergilbte Abendlicht trete, das vom Ofenpass her auf die vor mir liegende, verlassen wirkende Weide fällt, begegne ich nach wenigen Schritten einem Sennen, der zusammen mit einem Gehilfen in stummer Zweisamkeit die Zäune der Sommerweide abbaut. Sie nehmen die Zaunstäbe und die Zäune aus dem Boden und legen sie zusammengerollt auf die Wiese. Schon viele liegen sie da an der Zahl, es geht gegen den Feierabend. Wir grüssen uns, ich im Schweisse meines Aufstiegs, der Senn erfreut über die Begegnung mit einer Person aus dem Tal, so scheint mir, und so erzählt er mir, während sein Gehilfe ein paar Meter weiter unten im regelmässigen Tempo weiter seiner Arbeit nachgeht, dass er früher als junger Bursche jeden Tag diesen Weg runter- und hochgestiegen sei, um seine damalige Freundin, die später seine Frau werden würde, im Dorf zu besuchen. Im Winter sei es schneller gegangen, runter zu kommen. Der Aufstieg hingegen habe einiges Mühsal mit sich gebracht.
Mit der Frau sei er nicht mehr zusammen, sagt er. Den Hof habe er aber immer noch.
Ich frage, welche Tiere er hier oben halte, und er sagt, er habe Geissen, er zeigt mit der Hand nach oben, oben beim Hof seien sie, ich könne gerne in den Stall reinschauen.
Ich gehe weiter und um die Ecke, hinter einer kleinen Erhebung der Weide entdecke ich an den Hang gebaut ein währschaftes, weiss gestrichenes, gepflegtes Haus mit dicken Mauern, mehreren kleinen Fenstern und tintenblauen Fensterläden vor einem mächtigen, mit einzelnen Lärchen durchsetzten Nadelbaumwald. Unterhalb des Hauses liegt ein grosser Vorplatz, auf dem alles so sein und stehen gelassen werden darf, wie es die tägliche Arbeit erfordert, und daneben, fast hätte ich ihn übersehen, ein Geissenstall aus Holz. Der Abendwind trägt den Geruch der Tiere zu mir hinüber, und als ich nähertrete, sehe ich im Eindunkeln der Nacht aus der tiefen Schwärze des Stalls freundliche Gestalten dahertrippeln, die immer mehr werden, mit schwarzen Köpfen und weissen Fellstreifen am Hals, sie recken mir neugierig ihre Hälse aus dem Stall entgegen und wir grüssen uns gegenseitig, wechseln ein paar Worte, bevor wir wieder in unsere jeweiligen Welten eintauchen, die sich heute für kurze Zeit unerwartet überschnitten haben.

