fragments alpins.

a little bit of everything

MUNT LA SCHERA

Den Berg „Munt la Schera“ im Schweizerischen Nationalpark würde man landläufig vielleicht nicht als besonders schön bezeichnen, eher als grau und karg. Seine Spitze ist kein von gezackten Felsen geprägter Gipfel, der nur einer Hand voll Menschen Platz bietet, sondern besteht aus einem regelrechten Plateau und das ist mitunter auch ein Grund, warum ich ihn ohne Schwierigkeiten erwandern kann, was aber nicht gleichzusetzen ist damit, dass der Aufstieg ohne Mühsal vonstatten geht, denn alles, was ich beim Aufstieg sehe, sind Steinstufen in hellgrau, beige, hellbraun, und zwischendurch Schweisstropfen, die aus meinen Schläfen treten und vor mir zu Boden fallen. Ich hebe meine Beine von Stufe zu Stufe, es sind viele Höhenmeter auf wenigen Metern Distanz, was selten einen freudvollen Aufstieg bedeutet.

beim Abstieg wiederum ist der sandig wirkende Untergrund auf dem schmalen Pfad derart trocken und verdorrt, dass ich ein paar Mal ausrutsche, und nicht hilfreich ist dabei, dass es eilt, weil ich zu lange auf dem Gipfel verweilt bin, und so schlittere und zapple ich meinen Weg im Zickzack hinunter, bis der Pfad mit dem anderen, breiteren Weg zusammentrifft, den jene gehen, die den Berg nicht vollständig besteigen, und von dem wir ursprünglich auch auf den Gipfel hochgestiegen sind und der mehr oder weniger parallel zum Gipfelplateau geradeaus um den Berg herum führt. 

Vor mir steigen zwei Männer mittleren Alters in karierten Hemden ab, die auch eher zu spät auf dem Gipfel angekommen sind und es eilig zu haben scheinen. Ich erwäge, sie zu überholen, bleibe dann aber doch zu oft stehen, zögernd, aber auch um den südlich liegenden, wunderbar geformten See mit meiner Kamera einzufangen, und ausserdem habe ich auf meinen Wanderungen Leute stets lieber vor als hinter mir, weil ich mich dann vermeintlich weniger getrieben fühle, denn man geht ja auf Wanderungen, um sich für einmal nicht getrieben zu fühlen, und so vergrössert sich unser Abstand zwischenzeitlich, bevor er sich wieder verkleinert, und kurze Zeit später wieder grösser wird, und so geht es eine ganze Weile.

Irgendwann, nach einer längeren Strecke durch eine Landschaft aus mannshohen, knorrigen Nadelbäumen, die gerade genug Sonnenlicht durchlassen, dass man immer noch problemlos ohne Pullover oder Jacke wandern kann, platzt unerwartet eine kleine Alphütte in unser Blickfeld, vor der sich drei, vier Leute um ein grosses Fernrohr herum niedergelassen haben und leise diskutierend und gestikulierend die gegenüberliegende Hangseite beobachten, es gäbe bestimmt manch seltene alpine Vögel und Gemsen oder gar Hirsche zu sehen, doch ich eile weiter und überhole alsbald die beiden Männer vom Munt la Schera, bevor sie mich dann wiederum doch noch einmal ihrerseits überholen, weil ich mich doch eben nicht treiben lassen will und eine freiwillige Pause einlege, auch wenn ich mir bewusst bin, dass das zeitlich ein gewisses Risiko birgt. Der Weg zieht sich nämlich, das wusste ich aber zu jenem Zeitpunkt noch nicht, anschliessend unerklärlich lang hin bis zu Il Fuorn, und ich beginne bald schneller zu laufen. die Luft wird nun immer wärmer, je näher wir dem Tal kommen, obwohl es bereits Mitte November ist, und mir bricht wieder der Schweiss aus, wie vor einigen Stunden beim Aufstieg. Die Männer vom Munt la Schera sind ausser Sichtweite, wie können sie nur so viel schneller sein, wo sie doch vorhin eher langsamer als ich waren, denke ich ratlos, und frage mich, ob sie eine Abkürzung genommen haben, die ich verpasst haben könnte. Als mich der Wald nach einer gefühlten Ewigkeit, nach einigen Geröllhängen und immer wieder Wald, Wald, viel Wald und vielen Wurzeln, über die ich aus Zeitgründen gefühlt leichtfüssig hinwegspringe, als mich der Wald also in die Ebene ausspuckt und mein Blick auf die Haltestelle mit der gelben Postauto-Tafel fällt, die doch noch ein gutes Stück weiter südöstlich aufwärts an der Autostrasse steht, beschliesse ich, mir keine Hoffnungen mehr zu machen, den geplanten Bus zu erwischen, auch wenn er mir wahrlich eine gute Verbindung bis nach Winterthur ermöglicht hätte, womöglich die beste des Tages, bevor sie sich gegen den Abend hin immer länger hinziehen. Da ich meine Hoffnung nun aus den Händen gegeben habe, fühle ich eine gewisse Befreiung, verlangsame mein Tempo und gehe nurmehr in gewohnt zügigem Schritt, fast langsam, die sich windende Strasse, von der der Bus hinunterkommen soll, dabei stets fest im Blick. Doch der Bus zeigt sich zu meinem Erstaunen nicht, und so komme ich dann doch noch vor ihm bei der Haltestelle an, die beim Hotel „Il Fuorn“ liegt, in dessen Scheune, die sich vor vielen Jahren einige Meter daneben befand, mein Vater einst als Kind mit seinen Geschwistern und seinem Vater nächtigte, wie er mir bei unserem Telefonat am darauffolgenden Tag erzählen wird. Es gibt keinen Ort, an dem er noch nicht war, als Kind, im Militärdienst, als Lehrer auf seinen Schulreisen, als Vater mit uns Kindern. Er hat, ob freiwillig oder gezwungen, die gesamte Schweiz erwandert.

Ich treffe also zu spät, aber doch rechtzeitig bei der Haltestelle ein und stosse dabei auf eine für die Jahreszeit unnatürlich grosse Menschenmenge, die ebenfalls auf den Bus wartet. Als dieser endlich kommt, wird klar, dass wir niemals alle hineinpassen, da er bereits voll besetzt ist. Als erfahrener Berufspendler kann ich mich nicht davor wehren, mich gekonnt nahe bei der Tür zu positionieren, als der Bus hält, zumindest soweit das würdevoll gelingen kann, das schlechte Gewissen und den Anstand werden von meinem noch grösseren Willen, die gute Verbindung ins Unterland zu erwischen, beiseite geschubst, die Leute verhalten sich so gesittet, wie es Schweizerinnen und Schweizern möglich ist, aber nur etwa die Hälfte passt noch in den Bus. Ich setze mich vorne beim Fahrer auf die Treppe und fühle mich nach ein paar Kilometern, die uns durch eine der vielleicht schönsten Postautostrecken der Schweiz führen, wie ein Kind, das aus purem Zufall den besten Platz erwischt hat, denn die Aussicht durch das Panoramafenster ist grandios und besser als von jedem Sitzplatz aus.

Im Zug von Zernez nach Landquart bin ich mich immer noch am erholen von meinem Schlussspurt durch den Wald, trinke literweise Wasser und Schorle, und so gelange ich schlussendlich in mental gutem Zustand nach Zürich, und als ich in Zürich in die S12 umsteige, wobei ich den Weg durch die Sihlquai-Unterführung körperlich nur mit grosser Mühe hinter mich bringe, weil sich nach dem langen sitzen nun die Qualen des rasanten Abstiegs in meinen Beinen und Füssen bemerkbar machen, entschuldigt sich kurz nach dem Einsteigen jemand aus dem Abteil hinter mir und ruft, ob ich denn nicht die Frau vom Munt la Schera sei, und ich blicke mich um und setze mich, obwohl gezeichnet von der Erschöpfung, erfreut zu den beiden Männern mittleren alters vom Munt la Schera in ihren karierten Hemden, die mich überholt haben, und wir kommen ins Gespräch und tauschen uns darüber aus, dass niemand von uns bereit gewesen sei, aufs zweite Postauto zu gehen, und wir uns für die Drängelei etwas schämen, dass wir ja sonst nicht so seien, aber es aus Gründen der Verbindung nötig gewesen sei. Ebenfalls einig sind wir uns darüber, dass wir uns alle ein bisschen mehr von der Aussicht vom Gipfel aus erwartet hätten, und man sich den Auf- und Abstieg vielleicht hätte sparen können, aber es trotzdem gut gewesen sei, alles in allem. Dann reden wir darüber, ob es etwas verrückt ist, von Winterthur so weit zu reisen für einen einzigen Tag, und sagen, an anderen Tagen könne man ja dann immer noch auch auf den Schauenberg oder das Schnebelhorn, wobei das Schnebelhorn, auch hier sind wir uns wieder einig, aber generell etwas überbewertet sei, und dann der Munt la Schera doch wieder einiges besser. 

Sie sagen, dass sie ab und zu zusammen unterwegs sind, auch mit dem Velo, und dass ihre beiden Frauen dann jeweils selber etwas zu zweit machen, und zuerst freue ich mich einfach über diese sehr sympathische Männerfreundschaft, die die beiden offenbar seit Jahren verbindet, worauf mir Stunden später der Gedanke kommt, dass ich vielleicht den Ehefrauen dieser Männer vor ein paar Wochen tatsächlich auf dem Schauenberg begegnet bin, denn dort traf ich zwei ebenso sympathische Frauen, die damals von ihren Männern sprachen, die sich gerade auf einer Velotour befinden würden. Ich war mit ihnen ins Gespräch gekommen, weil ich ein Erinnerungsfoto von ihnen auf dem Gipfel zwischen den verbliebenen Gemäuern der Burg Schauenberg machte, an jenem Tag sah man klar bis zu den Glarner Alpen, und so denke ich nun, nach diesem langen Tag auf dem Munt la Schera, wie schön und berührend es doch ist, beim Wandern andere Menschen zu treffen, und wie sehr die Natur und die Bewegung in der Natur eine Verbindung zwischen den Menschen herstellt, die immer wieder zu interessanten Gesprächen führt, die das Herz wie warmes, saftig grünes Moos umhüllen, einem das Gefühl geben, dass man einander schon deutlich länger als einen einzigen Tag kennt, und deren Erinnerung man gerne noch eine Weile mit sich mitträgt.