fragments alpins.

a little bit of everything

MARMORÈ

Der steile Aufstieg nach Marmorè beginnt hinter jenem malerischen weiss gestrichenen Haus mit den mintgrünen Fensterläden in Sils-Maria, in dem Nietzsche acht Sommer seines Lebens verbrachte und dabei Teile von „Also sprach Zarathustra“ schrieb.

Der Frost, der in dieser Oktobernacht über die Landschaft eingefallen ist, liegt am schattigen Nordhang des Dorfs immer noch wie tausend in alle Richtungen glitzernde Zuckerkörnchen auf dem Weg, den hohen Grashalmen links und rechts des Weges, den widerstandskräftigen Büschen und über den knorrigen und eigenwilligen Wurzeln, die sich von ihren Bäumen weg quer über den Wanderweg ausbreiten, sodass jeder Schritt wohl bedacht sein will. ein Fuss vor den anderen.

Obwohl des Morgens kühler Atem über dem Wald und in den Bäumen hängt wie tautropfenbehüllte Spinnennetze, friere ich nicht, denn das stetige Bergaufgehen hält meine Beine warm. In unzähligen Kehren führt der Weg nach oben, und dabei wird der Untergrund, zu Beginn noch vom Regen und Schnee der vergangenen Tage gezeichnet und vom Frost obendrauf, zunehmend trockener, hie und da blitzen zaghaft einige Sonnenstrahlen durch die dicken, mehrere hundert Jahre alten Arven, an immer mehr Stellen, bis mich die Wächter des Waldes schliesslich, vereinzelt noch ihre Arme nach mir ausstreckend, aus ihrer schützenden Hülle entlassen, bis ich vollends in die Morgensonne eingetaucht werde und daran auch merke, dass ich bald an meinem Ziel angelangt sein werde, der Erhebung namens Marmoré, auf dem eine Sitzbank mit der vielleicht schönsten Aussicht auf den Silsersee steht. Als ich oben ankomme, überwältigt mich das Gefühl des vollkommenen Glücks, das ich beim Einatmen des Ausblicks verspüre. Der Silsersee liegt klar und tintenblau in der weiten Ebene etwas rechts von mir, zu meiner linken eröffnet sich das Fextal, das bis in die Ewigkeit und weit hinaus reicht. Ich lasse mich auf die in weichen Formen geschreinerte Holzbank sinken. Tief sinken auch die Bilder dieser weit in die Gegend greifenden Landschaften, bei denen es sich besonders gut nachdenken lässt und auf die sich jedes Mal ohne Ausnahme ein Gefühl einstellt, dass doch alles möglich wäre auf der Welt und der vollkommene innere Frieden nur ein Spaziergang weit entfernt ist.

Dass das Fextal doch nicht ganz bis in die Ewigkeit reicht, darüber klärt mich wenige Minuten später ein Ehepaar mittleren Alters auf, das ebenfalls sein Morgenpicknick zu sich nimmt und sich interessiert erkundigt, wohin mein Weg mich führe. Sie erzählen mir, dass, wenn man ganz weit ins Fextal hineingehen würde, bis ans Ende der Welt sozusagen, und noch weiter, auf den Schmugglerpfad nach Valmalenco in Italien treffen würde, der über viele Jahre zu einem regen Austausch von Waren beigetragen habe. Ich lausche ihren Ausführungen, bisher unwissend über dieses Stück Geschichte des Fextals, und ergänze das Gehörte später auf der Heimfahrt ins Unterland für mich, indem ich in meinen Recherchen entdecke, dass auf diesem Weg teilweise bis zu 30 Kilogramm Ware pro Schmuggler die Grenze überwand, vor allem Lebensmittel wie Kaffee, Tabak und Vieh. Es handle sich um einen historischen hochalpinen Übergang, und das Kulturhistorische Institut Graubünden weiss in einem Artikel zu berichten, dass die Schmuggler ihre Ware nachts und in schlechter Kleidung und noch schlechterem Schuhwerk über teilweise vergletscherte Gebiete transportierten.

Der Schmuggel erlaubte ihnen, gute Geschäfte zu machen, brachte aber aufgrund seiner Höhe auf über 3000 Metern über Meer manche Gefahren mit sich. Die Armut der Bewohner von Valmalenco blieb über lange Jahre gross, sodass bis lange nach der Nachkriegszeit noch Reis, Polenta und Mehl, Schinken, Mortadella und Salami, Butter, Pilze oder Stoff in die Schweiz eingeführt wurde. Auf dem umgekehrten Weg brachten die Schmuggler Salz von der Schweiz nach Italien, da die Alliierten einen wichtigen Weg zu den Salinen im Süden Italiens abgeschnitten hatten.

Mit dem Gefühl, an einem ganz besonderen Ort zu wandern, der Geschichten von vielerlei Menschen in sich trägt, führt mich meine Wanderung durch einen erst steinigen, dann durch sanfte Weiden führenden Abhang ins Fextal hinunter und am Fluss entlang zurück nach Sils-Maria. In der Tat sind es mehrere Stunden, in denen man sich in einer anderen Welt wähnt. Keinerlei Geräusche der Zivilisation dringen in die hintersten Winkel dieses Tals, ausser der Wind, der am Nachmittag aufzieht, das Herbstlaub über die Wiesen straucheln lässt und das Bimmeln von Kuhglocken weit über die Matten trägt, und ich denke wieder an Nietzsche, der an diesem Ort besonders schätzte, dass man stundenlang vorwärtsgehen kann, ohne sich über schwierige Pfade Gedanken machen zu müssen, was einem, und das denke nun ich, wiederum erlaubt, den eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen, eine heutzutage äusserst erstrebenswerte, seltene Tätigkeit, wie mir scheint. Man tut gut daran, regelmässig an einen solchen Ort zurückzukehren, und sei es in Ermangelung besserer Gelegenheiten auch nur in der Erinnerung daran, die gerade durch das Darandenken auf wundersame Weise mit allen dazugehörigen Gefühlen äusserer und innerer Zustände wieder zum Leben erweckt wird.

https://kulturforschung.ch/storage/projekte/Schmuggl-im-Obenengadin-terra-gischuna-.pdf